Teilzeitrebellin

encorePlus im Interview mit der Hamburger Musikkbarettistin und Teilzeitrebellin Turid Müller

Turid Müller tourt gerade mit ihrem Programm „Teilzeitrebellin“ erfolgreich durch Deutschlands Bühnenwelt. Seit rund zwei Jahren macht die Diplompsychologin und Schauspielerin aus Hamburg Musikkabarett. „Wie findet man den Weg in die Theater?“, wollte encorePlus von ihr wissen. Wie setzt man das um, wenn man als Bühnenkünstler einfach so starten und erfolgreich werden möchte?

Lesen Sie unser Interview mit der Chansonette Turid Müller:

encorePlus: Turid, Du bist ausgebildete Diplompsychologin und Schauspielerin. Wie kam es zur „Teilzeitrebellin“?

Die Teilzeitrebellin war plötzlich da. Sie kam gewissermaßen in einem Gespräch mit einem Kollegen zu mir als Bezeichnung dafür, dass ich Rock’n Roll eher in kleinen Dosen lebe: „Bühne? Ok, aber auf dem Fundament einer Schauspielausbildung, und dann machen wir vorher schnell noch das Psychologie-Diplom fertig!“
Das Wort „Teilzeitrebellin“ traf es so auf den Punkt, dass ich daraus unbedingt ein Lied machen wollte. Darin sollte es um die derzeit populäre Haltung zur „Rebellion“ gehen: „Rebellieren? Gern, aber nur, wenn es zwischen Studium und Job gerade reinpasst!“ Lied und Wort packten mich und den Zeitgeist so schön am Schlafittchen – und, schwupps, wurde es der Titelsong für die gleichnamige Show. Erst mittendrin wurde mir klar, wie viele Arten der Teilzeitrebellion es gibt. Auch und gerade durch die Rückmeldungen von ZuschauerInnen, die sich selbst darin wiederfanden und plötzlich mit Fragen konfrontiert waren wie: „Warum bin ich eigentlich so schrecklich erwachsen geworden? Wann habe ich aufgehört, etwas verändern zu wollen?“

Warum hast Du dich für Politchanson oder Musikkabarett entschieden und nicht für Comedy?

Eine Entscheidung war tatsächlich nie nötig. Das war immer klar. Ich schreibe seit vielen Jahren Musik. Und wenn ich etwas sagen wollte, war das mein unmittelbarster Ausdruck. Im Schauspiel war Brechts episches Theater mein leuchtendes Vorbild: Ein Theater, das den Anspruch hat, gesellschaftlich etwas zu bewegen. Besonders viel Freude machte mir beim Spielen immer die Kombination mit Musik. Da lag es dann irgendwann auf der Hand, Musikkabarett und Chansons zu schreiben.

Als du Deinen Entschluss gefasst hast, mit Deinem Debutprogramm auf die Bühne zu gehen, wie war das am Anfang für Dich? Woher hast Du gewusst, was Du jetzt alles ans Laufen bringen musst?

Ich sage ja immer: Es ist Notwehr! Der Drang kreativ zu kommentieren, was ich erlebe oder wie die Welt so tickt, ist bei mir sehr stark. Ich gehöre zu den Künstlern, die nicht anders können. Dass ich alles ans Laufen bringen musste, wusste ich also schon immer. Als dann die Form entwickelt war und ich in Stephan (Stephan Sieveking, Piano, Co-Komposition und Arrangement, Anm. der Red.) jemanden gefunden hatte, der mich beim Arrangieren und Begleiten ergänzt, gab es schlicht kein Halten mehr.

Was hast Du alles unternommen, um Dein Programm und Dich selbst bekannt zu machen?

Social Media, Netzwerken und spielen, spielen, spielen! Außerdem natürlich die klassische Werbung. Zum Beispiel funktioniert meine Postkarte gut: Der witzige Spruch und das lässige Design macht sie zu einem Souvenir, das gern mitgenommen wird.
Ich brauche immer Wege, die mir auch etwas zurück geben und nicht nur Büroarbeit machen: Zum Beispiel habe ich auf meiner Homepage gerade einen Blog mit Gedichten eingeweiht, die ich über die sozialen Medien verbreite und verlinke.

Und woher hattest Du das Know-How dafür?

Ich arbeite seit circa fünfzehn Jahren selbstständig im kreativen Bereich. Ich wusste also schon eine ganze Menge über Vermarktung. Außerdem lerne ich immer gern von KollegInnen. Besonders viel Schubkraft hat mir mein Stipendium für die Celler Schule gegeben: In der Songtexter-Masterclass der GEMA-Stiftung habe ich viele Grundlagen vermittelt bekommen, vor allem aber auch ein gutes Netzwerk voller erfahrener KollegInnen, denen ich immer Fragen stellen kann. Bei meinen Songtexten begleitet mich zum Beispiel Edith Jeske als Mentorin. Ihre Unterstützung, auch moralisch, hat mir viel Zutrauen gegeben, mit meinem Debütprogramm den Schritt aus der Schublade hinaus und auf die Bühne zu wagen. Sehr hilfreich für die Vernetzung war auch das Mentoring-Programm „Doppelkopf“ des Hamburger Vereins RockCity, der sich im Bereich Popularmusik engagiert. Dort habe ich zum Beispiel von Fördergeldern für Coachings erfahren. Das habe ich dann mit Hilfe der Hamburger Kreativgesellschaft eingetütet und vom Coaching sehr profitiert. Gerade weil es eben nicht nur um Know-How ging, sondern auch um die innere Aufstellung: Mut sammeln, Reinwachsen in die neue Rolle, Durststrecken überbrücken usw.

Verfolgst Du ein bestimmtes Image, wie Du Dich präsentieren möchtest?

Mein Image ist gerade noch dabei, sich zu entwickeln. Das ist ein Prozess. Je mehr ich schreibe, auf der Bühne stehe und Feedback bekomme, desto klarer wird mir, was genau ich da eigentlich tue. Klar ist, das die Teilzeitrebellin auch hier ihre Finger mit im Spiel hat: Die lächelnde Blondine im kurzen Schwarzen hat’s mit Tiefgang, Satire und Scharfblick ganz schön in sich. Dabei, das Image Schicht um Schicht herauszukristallisieren bin ich zum Glück nicht allein – es ist ja eine der größten Herausforderungen, sich selbst von außen zu sehen. Zum Beispiel in der Liedermacher-Akademie SAGO habe ich mich mit Hilfe meiner KollegInnen mit meiner Außenwirkung auseinander gesetzt. Aber natürlich ist das auch etwas, wo meine Regisseurin, meine Agentur und meine Grafikerin mich unterstützen.

Wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor – wird die Teilzeitrebellin zur Vollzeitrebellin?

Wie gesagt: Notwehr! Also ja. Ich möchte über kurz oder lang hauptsächlich auf der Bühne stehen. Im Programm wird aber wohl die Teilzeitrebellin der Kern bleiben, um den alles kreist. Und es wird immer genug Lebensbereiche und Ebenen geben, auf denen mir meine Rebellion nicht weit genug geht. Also bin ich zuversichtlich, dass mir dazu auch dann genug einfallen wird, wenn ich Vollzeit auf der Bühne stehe.

Hast Du einen Tipp, den Du unseren Newcomern mit auf den Weg geben kannst?

Sucht Euch starke Verbündete und MentorInnen! Glaubt an Euch und Euer Projekt! Wartet nicht bis alles perfekt ist; traut Euch, damit raus zu gehen! Nur so kann es wachsen!

Kostproben: Teilzeitrebellin / Deine Welt

 

 

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